Der Raub von Mercedes

09.10.22 fotos 003

Es war mal an einem verregneten Donnerstag Nachmittag in Berlin, vor 2 Jahren, so richtig verregnet, wie Donnerstage in Berlin nun mal oft sind. Unser Mandant hatte grade angerufen, er käme wegen ebensolcher Wetterlage und erhöhter Sicherheitskontrollen ein Flugzeug später aus München, ich ärgerte mich, dass mir die latente süddeutsche Terrorgefahrenlage zwei Stunden wertvolle  Restzeit zum Trödeln gekostet hatte.

Ich hatte mir für so was noch eine Adresse aufgeschrieben. Bei 1-2-3-Kauf-Mich hatte jemand mal ein altes, original Mercedes-Plakat angeboten und es nicht verkauft, wir hatten telefoniert und es war eine Wohnungsauflöserin, sie sagte sie hätte noch mehr davon, in einem winzigen Nachlassgeschäft in Schöneberg, 3. Stock, 2mal klingeln.

Ok, meine Stimmung war nicht die Beste, und ich nahm mir vor, dem Mandanten die volle Stundenzahl auf die Rechnung zu schreiben. Ich bin hart im Nehmen, was Katastrophen angeht, aber Berlin, Regen, Warten, das kann auch einem zu Studentenzeiten gelegentlich nächtelang untreue Ehemänner beobachtenden früheren Frankfurter Aushilfs-Privatdedektiv die Laune verderben.

In Schöneberg angekommen, rauschte ich in den Nachlassladen. Das Ganze erwies sich letztlich als Glück, denn hier gabs nichts, den Trödel mit den 5-Euro-Preisen, der die Schnäppchenjäger anlockt, um ihnen dann drinnen mit kunstpatinierten Mingvasen das bayerische Fell über die Münchner Ohren zu ziehen.

Unter dem kleinen, säuberlich zusammengerollten Stapel 20-25 Jahre alter Mercedes-Werbeplakate, von denen ich sicher war, bei einem nach Tortenindex bemessenen Preis auf nicht mehr wie ein Stück pro Plakat verzichten zu müssen, zog ich ein dickes Kuvert hevor. Woaaaa…

“Ach ja, bei dem Nachlass mussten wir die ganze Bude ausräumen… da war auch noch die ganze alte Post dabei… müssen wir mal ausmisten…” den Verlauf der von mir gelangweilt geführten Ankaufgespräche erspare ich. 82 herrliche alte Fotos, keine billigen Nachdrucke wie heute, sondern alles Abzüge von original Negativen, offenbar mal für ein Buchprojekt so um 1960 hergestellt.

Nachdem ich seit gestern Abend auf  heute Morgen von Höchstdosis auf Totalentzug umgestellt bin, und mein Hörsturz immer noch rauscht wie eine offene Seitenscheibe, hatte ich eine schlechte Nacht und als TV-Verweigerer mir gedacht, machst mal einen Blog aus den Bildchen. Ist ja auch für mich einfacher, wie immer in tausenden Dateien rumzukramen.

Hier sind mal ein paar davon (mit den front- und rückseitigen Bilderklärungen)…

alle Fotos zum Vergrößern draufklicken:

Mercedes-Benz Rennwagen beim “Grossen Preis von Tripolis 1938″; Manfred von Brauchitsch (Zweiter hinter Lang) auf Mercedes-Benz auf der Strecke”…

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“Grossen Preis von England” am 16.7.1955 in Aintree. Der Sieger Stirling Moss mit Mercedes Benz Formel-Rennwagen im Rennen”…

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“Mercedes-Benz Sieg in der “Coppola Acerbo 1938″ in Pescara (14.8.1938). Beim Start setzen sich sofort die Mercedes-Benz Fahrer an die Spitze des Feldes. Sieger: Rudolf Caracciola”…

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“Grosser Preis von Europa am 1.8.1954 auf dem Nürnburgring. Überlegen führt Juan Manuel Fangio (Wagen Nr. 18) seinen Mercedes-Benz-Rennwagen zum Sieg.”…

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“Dreifacher Mercedes-Benz-Sieg im “Grosser Preis von Frankreich 1938: Mafred von Brauchitsch, gefolgt von Caracciola und Lang, geht durchs Ziel.”…

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“R. Caracciola auf Mercedes-Benz “SSK” siegt im “Grossen Preis von Deutschland” 1931.”…

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“Beim Grosser Preis von Europa in Monza (9.9.1923) über 800 km zeichneten sich die teilnehmenden Benz 2 Ltr.-Rennwagen (Heckmotor, Tropfenform) mit Minola (4.), Hörner (5.) und Walb aus.”…

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“Grosser Preis von Italien in Monza am 5.9.1954. Sieger Juan Manuel Fangio, 4. Hans Herrmann”….

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Reifenwechsel an den Boxen (Targa Florio 1955). Die Monteurgruppe hat sich auf den 300 SLR-Rennsportwagen von Stirling Moss gestürzt, der das Rennen später mit leicht lädiertem Wagen gewann.” – Am linken Bildrand ist der MB Rennleiter Alfred Neubauer zu sehen…

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“Grosser Preis von Argentinien am 16.1.1955. Der Sieger J.M. Fangio wird jubelnd empfangen.”…

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“Mercedes Benz Rekordwagen 1939: 3 Liter 12-Zylinder-Kompressionsmotor im Grand-Prix-Fahrgestell 1938 mit Spezial-Karosserie. Caracciola erzielte mit ihm am 9.2.1939 bei Dessau folgende int. Rekorde (Klasse D) stehender Kilometer 175,695 km/h, stehende Meile 204,57 km/h”…

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“Grosser Preis von Holland” am 19.6.1955. Sieger wurde Juan Manuel Fangio (Wagen No. 8), 2. Stirling Moss (Wagen No. 10.)”…

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“Dreifacher Mercedes-Benz-Sieg im “Grossen Preis von Deutschland” für Sportwagen auf dem Nürburgring 1928. Siegerwagen mit Werner am Steuer geht durchs Ziel”…

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“Fahrgestell des Mercedes-Benz Typ “SS”, der mit den Typen “S” und “SSK” von 1927 bis 1933 Träger einzigartiger Erfolge wurde”…

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“Hermann Lang auf Mercedes Benz siegte im Internationalen Avus-Rennen 1937 (30.5.1937). Im ersten Versuch siegte Caracciola, im zweiten Vorlauf siegte Manfred von Brauchitsch; sämtlich auf Mercedes Benz”…

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“”Mercedes Benz Rekordwagen 1939: 3 Liter 12-Zylinder-Kompressionsmotor im Grand-Prix-Fahrgestell 1938 mit Spezial-Karosserie – auf der IAA 1939″…

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Und zu ihr brauch ich Euch ja wohl nichts drunterzuschreiben…

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Zum Glück hatte der alte Jellinek damals seine Tochter nicht Clothilde getauft und diesen Namen für die neue Daimler-Benz auserkoren. Der Raub von Clothilde, wäre echt ein schräger Titel geworden.

Viel Spass

Nachtrag: Dieser Blog entstand schon kurz nach der Rückkehr vor 2 Jahren in meinem Kopf. Ich hatte in dem Nachlassstapel auch noch eine fast komplette Clubmitglieder-Kartei des Pagoden-Regional-Clubs gefunden, mit allen persönlichen Daten der Mitglieder, Namen, Adressen, Auto, Typ, Baujahr etc., Bankverbindungenm, Einzugsermächtigungen für Clubbeiträge… und ich hatte dieses Konvolut persönlichster Daten ob meines nicht guten Verhältnisses zu dem damaligen Clubvorstand, für den Preis von ein paar Stück guter Torte gekauft und mit 6,90 EUR Porto versehen, nach Stuttgart geschickt. Reaktion = Null. Schwachmaten darf  ich aufgrund einer unterschrieben Unterlassungserklärung nicht sagen, aber Pagoden Schafseggel eben, wie sich damit in Nachhinein herausgestellt hatte.

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11 Gedanken zu “Der Raub von Mercedes

  1. A sekkelbleeda Bix nennt man solche Jungs bei uns Schwobe.

    Du bist ein Halber? Woher?

    Nicht zu toppen, was Du hier innerhalb ein paar Wochen hingekriegt hast. Super Blog. Habe mir die Fotos natürlich gleich mal gebunkert.

    Danke Dir und gute Besserung,

    Matthias B.

  2. Herr Kupfer,

    so würde ich auch mal gerne meine Zeit verbringen wenn ich auf jemand warte. Wieder was gelernt.

    Das Foto 11 von 1939 Weltrekordwagen gefällt mir sehr gut, denn ich komme direkt aus Dessau und kenne die heute noch stehenden Autobahnbrücken. Habe ja nie gewussst, dass damals grade dort so was stattfand.

    Gibts einen Weg, mit eine etwas hochauflösendere Datei zu schicken, damit ich mir ein richtig großen Ausdruck machen kann?

    Wäre nett, wenn Sie mir antworten.

    Franz Schubert

  3. Als fast schon Benz-Historiker kenne ich sehr viele Fotos. Aber das von der AVUS 1937 hatte ich noch nie gesehen. Im Daimler Archiv sollen 1,2 Millionen Fotos gespeichert sein. Das da noch niemand was draus gemacht hat ist schade.

    Sehr schön beschriebener Blog und hoffentlich viele ähnlich schöne Beiträge. Die nächsten 20000 Besucher kommen dann von alleine, mich inbegriffen.

    J. Kahn

  4. @ Franz Schubert,

    können schon, möchte ich aber nicht. Habe Ihnen noch mal 3 sehr schöne Fotos von dem 1939er Rekordwagen in den Blog eingestellt.

    Detlef Kupfer

  5. Die tollen Bilder von der IAA 1939 und den Rekordwagen erinnern mich an Leni Riefenstahl und so die Sportaufnahmen “Triumpf des Willens”

    Habe den Link im VDH-Forum gesehen. Gefällt mir.

    Boris

  6. Danke, danke.

    Da sind ein paar erstklassige Fotos drunter. Wenn Sie noch mehr von den 30er-jahre Rekordautos haben, stellen Sie sie doch bitte ein.

    Und danke für den Link der Mercedes Onlinebibliothek.

    Thomas K.

  7. @ Friedrich M.

    aus Versehen habe ich leider Ihren Kommentar gelöscht und kriege ihn nicht wieder rein.

    “Fotos = Spitzenklasse. Danke,
    Friedrich”

  8. Macht nichts, hat ja noch geklappt. Die Fotos sind absolut Spitze. Ich habe das 1. schon im PS um es ein bißchen hochzupäppeln.

    Friedrich

  9. Hallo Detlef,
    Dein Motorbloeckchen ist eine echte Fundgrube. Toll gemacht. Ich bin gleich bei meinem ersten Comment mal unverschämt und frage: Hast Du noch mehr 1930er Jahre Fotos und könntest mir mal ein paar zusenden? Ich hab Dir so oder so auch mal ein paar Fotos geschickt, die von meinem Großonkel stammen (E-Mail).
    Max, aus München

  10. Die “Schafseggel” vom Pagodenclub waren bei ihrem Jahrestreffen in Goslar bei ihrem Besuch der Classic Manufaktur von ihrem Motoreninstandsetzer Robert Nolte offenbar so begeistert und voll des Lobs, daß die Classic Manufaktur jetzt offiziell zum Technik Stützpunkt Mitte ernannt wurde.

  11. “Angeblich” zum Technik – Stützpunkt Mitte geadelt. Habe ich auch schon souffliert bekommen.

    Mal abwarten. Anfang des Jahres haben die “Noltes” sich bei der 280SL-Pagode eines immerhin Kfz-Sachverständigen aus Wolfsburg, ein paar sehr üble Kaputtreparierschnitzer geleistet, u.a. ESP eingestellt mit hinterher verbogener Regelstange und verzogenem Pumpenghäuse, was den Kunden eine fast 3.000 Euro teuere Nachreparatur bescherte. Gesamtschadenssumme soll so bei 6.000 Euro liegen. Ich habe mit dem Geschädigten vereinbart, erst später mal über Details zu schreiben.

    Ein Kapitel “Nolte” ist ohnehin in meinem Buchprojekt als exemplarisches Beispiel reserviert, “Wenn Vespaschrauber Mercedes – Oldtimer reparieren”.

    .

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