Leere Türme

Vor kurzem war ich eingeladen, bei den “Highrisern”. Nicht bei denen auf dem Schild, nein, die nennen sich jetzt alle so. Auf einem Symposium in Frankfurt, in der die Macher, die Society der Immobilienbranche, ihre Stimmungen und Risiken verglichen haben.

Die Stimmung war so miserabel, dass ich zu einem mir bekannten Beteiligten ging, dem grade ein 180 Millionen Gewerbeprojekt mangels Mietern und finanzierungsbereiter Banken Wassersaufen zu drohen geht, und der, wenn er bis 30.12.2009 das Grundstück nicht bezahlt hat, etwa 30-35 Millionen Euro Optionsgebühr verlustig geht, und der, wie alle Anwesenden wussten, Geld braucht. Seine Laune war aber auch nicht echt gut. Ein anderer verriet mir, ein Gutachter seiner Hausbank soll schon mal bei ihm privat vorbeigeschaut und die Villa diskret taxiert haben.

Einer kam ans Podium und redete darüber, wie man geschickterweise das Kommende, Unausweichliche, kleinreden sollte, weil es für alle das Beste sei. Optimismus bräuchte man. Niemand im Saal wolle in einer Welt leben, die das wüsste, was man hier im Saal kenne. So eine Art  Posener Rede der Jungs, die früher vorne Zement in den Mischer kippten und hinten kam Gold raus, und die Risikospezialisten der Immobilienabsicherung. Ein anderer verkündete, man habe 260.000 m2 Bürofläche “umgesetzt”, es ginge wieder aufwärts. Umgesetzt im wahrsten Sinn des Wortes, denn die frühreren Vermieter, auch mit anwesend, haben die “Umsetzung” erlebt…

Mieter-Napping nennt man so was inzwischen hier, Neubauangebote mit günstigeren Mieten, monatelanges Pre-Opening, Komplettübernahme von Umzugskosten etc. etc., die jetzt 100.000 qm leer stehen haben, sie haben schon seit Monaten 60 x 100 m große wetterfeste Vermietungsschilder an ihren demnächst alten, leeren Türmen angebracht, ich schätze mal, sie werden einige Winter Wind und Wetter trotzen müssen.

Ich habe das nicht durchgehalten, bin nach einer Stunde raus, ins Foyer wo der Veranstalter ein nettes Finger-Food-Buffet aufgebaut hatte, wo sich schon vor mir einige Besucher hin vertschüsst hatten(es geht das Gerücht herum, manche angestellte Makler würden kleine Plastikbeutelchen mitführen und bei solchen Veranstaltungen ihren Eisschrank ein klein wenig aufzufüllen), und habe mich dann in meine kleine Stadt zurück aufgemacht, um diesen Blog anzufangen zu schreiben.

Die Themen in der Stadt der leeren Türme sind sehr speziell. Nur noch was für die Hardcore-Typen. Ich habe weder BWL noch Jura studiert, ich bin beim Aneignen langsam, und für unsere Tätigkeiten reicht es, wenn wir die kleineren, gestrandeten Haifische sicher von A nach B bringen und das liefern,  was sie brauchen. Ich bin eigentlich so draussen, dass ich mich frage, wozu ich mir das alles anhöre. Nichtwissen kann eine Gnade sein, und anderes habe ich schon zu oft gehört und erlebt.

Heute ist wieder schönes Wetter, was mach ich mir für Gedanken, bin doch kein Betreuer von Paranoikern, Verschleierungstechniken, wenn der Kunde durchdreht, Best case Szenarien, Placebo, ich bin doch kein Irrenarzt, ich muss mir das nicht geben.

Wenn ich könnte, würde ich mir überlegen, was man diesen Ritalin-Junkies empfehlen kann in den kommenden Zeiten, ihnen Hoffnung machen. Der Geschäftsführer eines der größten City-Makler soll Höchstdosen an Psychopharmaka konsumieren, eine mangels Platz in den Keller gestellte Couch hätte ich noch und gegen 250,00 Euro Stundenhonrar bei einer guten Zigarre zum Zuhören hätte ich angesichts nicht eben erfreulicher Kontostände rein garnichts. Aber Hoffnung machen ist nicht so einfach, wie es vielleicht beim Bankberater klingt.

Was ich mitgenommen habe ist, dass auch die Cracks nicht das Ausmass des Kommenden wissen. Grob gesagt ist es so, dass die Ratingagenturen jetzt grossflächig die Finanzmarktbereiche abwerten, bei denen es ohnehin keine Hoffnung mehr gibt. Die Banken haben die Hosen gestrichen voll, das sorgt für eine erneute Verlustwelle, Gewinnwarnungen, erhöhte Kosten für Kredite, extrem viel Misstrauen und neue Pleiten.

Dass die Immobilienpreise fallen, ist auch ohne Krise ein Naturgesetz in einer Wirtschaft, die auf Vorrat baut, verkauft, vermietet. Momentan berücksichtigen die Neubewertungen vor allem Hypotheken, die demnächst anfangen könnten zu wackeln, wo man schon was sieht, was man eigentlich nicht sehen will, an Stellen trifft man dann all die Schäbigkeit des Gewerbes mit dem anderen nicht wirklich schönen Gewerbe zusammen.

Die Ratingagenturen und alle Banken tun so, als gäbe es einen Problemsektor mit armen Leuten, die ihre Schulden nicht zahlen können, und einen gesunden Markt auf der anderen Seite, und gerade in der Mitte, zwischen den 25-30 Jahre alten Bruchbuden und den momentan weiter in den Leerstand gebauten Towern, wird es weitere Neubewertungen geben. Vermutlich im März oder April. Und dann fliegen den Banken und den Bauträgern die Fetzen richtig um die Ohren.  Keiner, absolut keiner der Macher hatte mir für dieses Szenario realitisch erklären können, welche Effekte das aufhalten können.

Es wird nicht alle treffen. Aber ich würde in dieser Zeit so wenig wie möglich mit irgendwelchen Banken zu tun haben wollen. Die Dinger sind jetzt schon kritisch wie ein Kernreaktor ohne Kühlsystem, angefangen von den grossen Vermögensverwaltern bis runter zur Kreissparkasse, die mal eben an die Reserven muss, um die Landesbank zu retten. Es wird Länder und Wirtschaftssysteme geben, die danach nicht mehr zu erkennen sind. In Deutschland muss man wohl inzwischen einsehen, so falsch und ungerecht die zugrunde liegenden politischen Entscheidungen wie Hartz IV und die Unternehmenssteuerreform isoliert gesehen auch waren, dass die Wirtschaft und das Land bei weitem nicht so stabil genug sind, die  kommende Delle ohne grossen Schaden zu durchstehen. Als ganzes. Aber wenn es kommt, und seit heute bin ich sicher das es kommt, weiss ich auch, welche Ecken des Landes gar nicht wissen, wo die Krise sein soll, und welche Ecken zwei, drei, zehn, hundert Quelle, Karstadt, Opel und Nokias erleben werden.

Es wird wie früher schon sehr wenige Gewinner und dafür mehr als früher, sehr viele Verlierer geben, und wenn es dann wieder aufwärts geht, werden die Unterschiede durch die veränderten Ausgangslagen nochmal grösser. Oben werden wie immer dann die sein, die auf der richtigen Seite waren, auch wenn heute da unten in einem Hotel Neuangereiste sitzen, denen man kein Zimmer im 5. Stock mit offenem Fenster lassen dürfte.

Die Lügen, über die am Wochenende geredet wurden, haben mehrere  Sommer lang gehalten. Inzwischen ist deren Lebenszeit runter, auf bestenfalls noch 12 – 18 Monate. Lügen sind ein unsicheres Geschäftsmodell geworden. Das dickste ist, die seit heute selbst vom etwas neoliberal geprägten SPIEGEL so genannten Zombie – Banken, haben schon die nächste heiße Nummer im Rohr, Immobilien – Reit’s,Quasi eine Erfindung der Zocker-Börse Nasdaque, das richtige für Oma und Opa Ohnehaut, die grade die Demoflagge von der letzten Protestaktion vor der Sparkasse in Hoffungslosigkeit eingerollt haben.

Da wird dann der ganze unvermietbare Immobilienschrott  reingepackt, bspw. von einer HSH – Nordbank, und ab geht die Lucie via Drückerkolonnen in Bank-Casino-Sparpläne.

Ich habe deshalb einen sehr weitreichenden Beschluss für mich selbst und meine Copilotin gefasst, der Dinge beinhaltet, die in unserem Leben bis gestern keine Rolle gespielt haben: Erneute strategische Planung, Neuorientierung. Auch in dieser Zeit gibt es Chancen, ich bin mir sicher,  dass der DAX die 6000 Punkte noch mal schafft und dann 2010 genau so wie der Dollar, das Pfund, abschmiert wie ein undichter Kurbelwellensimmerring, dass die chinesische Wirtschaft egal wie explodiert, dass man Ende 2010 wieder vorsichtig, langfristig Aktien deutscher Firmen kaufen kann. Der Finanzmarkt böte genügend Wettinstrumente, aber da unten in der Stadt mit den leeren Türmen, den Highrisern, sind mir zu viele kaputte Zocker,  mit der Schlinge um den Hals auf der Klosettbrille. Ich möchte auch in Zukunft über Brücken gehen können, ohne an das Aufdieschnauzefallen zu denken, mit meiner Copilotin in einem der schönsten, alten Autos der Welt spazieren fahren und reisen können, gelegentlich so wie jetzt Laub wegrescheln im Garten und danach die echten Sachen von unserem Hoflädchen in unserer kleinen Stadt geniesen, wo die Kirchtürme die höchsten Gebäude sind.

Vielleicht schreibe ich mal bald was drüber, warum sich modernisierte Eigentumswohnungen zu kaufen, bald richtig lohnen könnte, und auch wo.

  

41 Gedanken zu “Leere Türme

  1. Da geht sie hin, die eherne Altersversorgung des Mittelstands…

    Herr Kupfer, das gefällt mir.

  2. Ich bin öfters mal in Frankfurt. Dort sieht man wirklich genau so wie auf den Bildern, dass es dort nicht gut aussieht. Und was Ihre Projektionen betrifft, fürchte ich immer mehr, Sie werden recht behalten. Der Spiegel-Bericht über die Zombie-Banken sagt alles.

    Dieter R.

  3. Hallo Detlef,

    ich hätte zwei Ideen dazu:

    Fenster vergittern. Und schon könnte man in diesen Häusern und leeren Türmen Geflügel züchten.

    Auf der Kapitulationsbeflaggung dieser Gebäude lese ich das zutreffende Wort “repräsentativ”.

    Neuorientierung gut überlegen, ich sehe das an Meinem. Alles andere, Autofahren und Geniesen, ja.

    Bärbel

  4. Der Wahnsinn ist doch, daß viele Städte für diese Gewerbeimmobilienhype in den letzten 20 Jahren in großem Umfang öffentlichen Raum geopfert haben. Tausende von Wohnungen sind in Büros umgewandelt worden, Wachstumsargumente der Politiker gabs immer dafür. Frankfurt ist sicherlich eines der schlimmsten Beispiele dafür, wie schnell eine Stadt in der Krise verslumt.

    Detlef, Deine Blogs habens aber in sich. Du hast aber bestimmt nicht vor, Dir bei einer dieser Banken demnächst was leihen zu wollen, oder?

    Peter M.

  5. Also ich empfehle die gute Sieglinde.

    Sie ist resistent gegen Kartoffelkrebs, festbeissend und dabei wohlschmeckend.
    Im “stern” der letzten Woche finden sich weitere gute Hinweise zur Gestaltung eines angemessenen Gemüse- und Obstgartens hinter dem Eigenheim.

    Zur Bewachung sollte ein Rottweiler- Pärchen gute Dienste leisten (die gehen auch nicht an die Bohnen).

  6. Hi Detlef,

    es gibt noch nicht genügend Büro-Immobilien, jedenfalls nicht in Stuttgart. Man kann zwar Neubauflächen in repräsentativer Lage für 10 Euro provisionsfrei und mehrere Monate kostenfrei anmieten, aber dennoch kommen neue hinzu.

    Stuttgart 21

    Ein Beispiel, wie die Bahn Stadt und Land abzockt und die über den Tisch gezogenen das Projekt noch mit mehr Feuereifer verteidigen, als die Bahn

    3 Mrd. sind geplant, der Risikofonds ist mit weiteren 1,4 Mrd. gut gefüllt – aber wer glaubt, dass das reicht, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

    Es sollen 1,4 Mio. qm Neubauflächen entstehen, davon 80% als Büro- und Gewerbeflächen. Du siehst, lieber Detlef, es besteht also noch dringender Bedarf an 1,1 Mio. qm Büroflächen in Stuttgart.

    http://www.das-neue-herz-europas.de/default.aspx

    Wenn dies den Quadratmeterpreis unter 5 € drückt, werde ich meine Garage aufgeben und meine Autos in einem Erdgeschoss-Luxusbüro parken.

    Du siehst, im Immobiliengeschäft ist noch viel möglich – man muss nur Stadt/Land/Staat daran beteiligen.

    Zynische Grüße

    Uli aus S

  7. Sehr humorvolle Beschreibung bzw. Umschreibung.

    Wenn man so wie ich in Frankfurt als Ing. einer verholzmannten Baufirma früher solche “Klopper” mit gebaut hat und heute unterwegs ist, merkt man schnell, dass es wirklich schlimm aussieht.

    Auch wenn sich die deutschen Banken halbwegs über Wasser halten, die ausländischen Banken sehen Frankfurt vermehrt als überflüssigen Luxus an, reduzieren ihre Flächen dramatisch oder gehen ganz weg und belassen es bei kleinflächigen Repräsentanzen. Und die grossen Kündigungswellen sind noch nicht mal abgeschlossen. Frankfurt hat früher auch schon echte Krisen gehabt, da standen aber nur 300-400000 qm leer. Um nur von den jetzt bereits vorhandenen 1,3 Millionen qm bereits vorhandenen Leerstand 400000 qm zu vermarkten, bräuchte es mind. etwa 35-40000 neue Arbeitsplätze (ca. 10qm / Beschäftigtem)… zusätzlich.

    Jedes Vermietungsschild ist eine Rechnung. Eine extrem teure Rechnung, bei der Mieteinnahmen fehlen, Gebühren anfallen und die Banken trotzdem ihre Zinsen wollen. Und Leerstand, Zwischenvermietungen etc. tun Häusern, die auf eta 25-30 Jahre Nutzungsdauer geplant sind, auch nicht gut. Da muss zwischenzeitlich viel saniert werden.

    Ich sage auch wie einige frühere Kollegen, da ist nichts, nur Abwesenheit und umbauter Raum, und dieses Nichts vernichtet Geld in jedem Augenblick, rund um die Uhr. Die ganze Stadt ein Mauerngewirr, hinter dem Vermögen verschwindet, bis die Fonds pleite gehen und Forderungen nicht mehr erfüllt werden.

    Banken werden die Reste kaufen und ihr Glück versuchen. Man sagt, Häuser gehen nicht verloren, aber das sind keine Häuser. Es ist umbaute Spekulation, es sind Schulden aus Stein, Derivate aus Glas und Stahl, und wie alles können und werden sie gegen Null tendieren.

    Erinnert mich gerade an den Song der Prinzen: Ist ehe alles nur geklaut.

    Harald K. aus F.

  8. W. aus M.,

    danke für den wohlgemeinten Rat. Historisch und geographisch bedingt habe ich beste Kontakte zu Nahrungsproduzenten, hier wie in der schwäbischen Ursprungsheimat. Wenn es aber ganz übel kommen sollte, müsste ich mir wieder die früher als junger Feinmechaniker gepflegten antiken Langwaffen von meinem Grossvater holen und im Taunus ein paar Rebhühner, Fasane schiessen, wenn ich schon zu blöd war, beizeiten nicht ein paar Investmentbanker geschossen zu haben.

    Nicht dass ich die Viecher dann essen würde, aber in schlechten Zeiten gab es immer welche, die auf Rebhuhn und Reh nicht verzichten wollen, und dafür etwas zum Tausch anbieten können. Vielleicht tauscht ja der Ex-Lehmann-Chef aus Frankfurt bald schon seinen GT3 gegen…

    Kartoffeln sind nicht meine Sache. “Galette”in allen Variationen, am liebsten mit frischem Salbei, Waldpilzen, Chreme Fraiche, geriebenem Parmesan etc. etc., aber für ein Weizenfeld sind hier die Bodenrichtwerte etwas zu hoch.

    Detlef Kupfer

  9. So ein GT3 ist schon bald Nichts,wenn man nicht schon ein Pökelfass im Keller hat.
    Letzteres sollte in jedem besser sortierten Haushalt ja eine Selbstverständlichkeit sein.

    Um auch in der Not mein Rebhuhn und anderes Wild kaufen zu können habe ich für schlechte Zeiten natürlich eine kleine Walze im Hobbykeller, um jederzeit das unterm Holz vergrabene Barrengold in fungible Stücke zu bringen. Du bist dann gerne Willkommen!

  10. Matthias, ich habe Deinen Schreibfehler korrigiert. Ansonsten gebe ich mir Mühe, so lange es mir Spass macht. Und Ihr dürfte nette Kommentare schreiben.

    Detlef

  11. Herr Kupfer,

    ich weiß wovon ich rede, weil ich war und bin mittendrin. Kompliment, Sie machen schöne Fotos genau in der Kante, in der ich seit Jahren arbeite, wo ich Mittags auch mal zwischen Kapitulationsfahnen und bösen Mädchen meinen Döner esse.

    Es ist so; die finanzielle Kernschmelze liegt hinter uns und der Super-GAU ist eingetreten. Die konjunkturellen Geigerzähler spielen verrückt. DAX, DOW, Nickei, Öl, Gold – nichts geht mehr. Die radioaktive Finanzwolke entlässt ihren Fallout über Gerechte und Ungerechte. Der Bürger betrachtet sein Geld wie seinerzeit Kopfsalat und Pilze und es vergeht ihm der Appetit auf neue Autos, neue Flachbildfernseher, neue Handys und den ganzen Schnick-Schnack. Man siehts nicht, man hörts nicht, allenfalls das Gequatsche darüber in nicht enden wollenden Talkshows.

    Inzwischen hat die Regierung eine 500 Milliarden Euro – Dekontaminierungsaktion gestartet: Bürger! Euer Geld ist nicht vertrahlt, ihr könnt es unbedenklich dem gesamtwirtschaftlichen Verdauungsprozess zuführen. Schmecket und sehet, alles ist Gut. Die IG-Metall lässt sich das nicht zweimal sagen und fordert gleich richtige Prozent mehr davon. Wie so oft in Krisenzeiten macht sich Party-Stimmung breit: Strassenbaustellen allenthalben wo man hinschaut, das Investitionsfieber ist ausgebrochen, zahlen müssen wir das alles ja nicht mehr zu Lebzeiten.

    Heute leben wir, denn morgen sind wir tot! Freibier für alle. Her mit dem Geld, tönt es aus allen Ecken und Enden, auf ein paar Milliarden mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Schattenhaushalt? Nee, dieses Jahr nicht mehr, nächstes. Kommunale Umsätze voll versteuern, Gebühren um 25% für die Bürger rauf, macht nichts, Pflegeversicherung privatisieren, ziehen wir durch.

    Wie sich früher mal viele vor der radioaktiven Wolke auf Lanzarote oder sonstwo versteckt haben, fliehen die ganz Schlauen derzeit vor Aktien und Cash ins Gold und müssen feststellen, dass auch hier längst nicht mehr alles glänzt. Auch hier macht hohe Volatilität das gut transformierte Geld ungenießbar. Doch wie es ein Leben nach Tschernobyl gab, wird es ein Leben nach der Finanzkrise geben. Wie das Unglück in der Ukraine der Anti-Atomkraftbewegung und der Entwicklung von alternativen Energiequellen immensen Auftrieb gegeben hat, so wird auch der Wallstreet-GAU bei vielen die Sehnsucht nach alternativen Wirtschaftsmodellen wecken. Und sie werden kommen, langsam, aber sicher. Noch sind die Regierungen beschäftigt, die brennenden internationalen Börsen und Bankentürme wie Block IV in Tschernobyl mit Kubikmetern von frischem Geld zu ersticken. Doch wenn sich der Finanzstaub erst einmal gelegt, werden die Geigerzähler weiter ticken und wird sich die Systemfrage um so dringender stellen. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Doch Ignoranz auch. Die Türme wackeln bereits.

    Hartmut Wehner

    …machen Sie weiter so, gute Mischung und sehr unterhaltsam.

  12. Herr Wehner,

    gestern hat sich der durch Ermittlungen in Misskredit geratene Hedge Fonds Galleon selbst versenkt, heute sind pikante Details bekannt geworden, über die angeblichen Informanten, die selbst in ihren Luxuswohnungen andere übelst bei schlechter Bezahlung schuften lassen.

    http://online.wsj.com/article/SB125613042653698825.html

    So stellen sich die Sarrazin’s und Ackermänner (Mehrzahl) die neue Welt vor. Vielleicht sollten wir statt nutzloser Autobahnreparaturen, mehr Knaste für Banker der Zombie-Banken bauen?

    .

  13. Krise hin, Krise her. Früher standen auf jeden Fall ne Menge starker Schlitten in diesen Strässchen, vor allem mit Sternchen vorne drauf, oder Detlef, hast Du die bewusst ausgeblendet?

    Michael B.

  14. Lieber Herr Wehner,
    donnerwetter, Sie schreiben hier ohne Nicknamen. Ihr Selbstvertrauen scheint groß zu sein.
    Ihr Tschernobylvergleich liest sich zwar nett und ist perfekt geschrieben, er ist aber auch nichts anderes wie das Talk-Show Geschwätz wie von hunderten anderen Experten, die so oder so herum ihre Erbhöfe zusammenbrechen sehen und alle besser wissen, wie alles vermieden werden und hätte bessser gemacht werden könnnen.
    Ihr Selbstverrauen möchte ich nicht haben. Ich bin nämlich so wie Sie sich ausdrücken, auch mittendrin. Ich habe in den letzten 6 Jahren nur bei meiner Bank-Company etwa 4.500 Kollegen verloren, über mir in den Büros. Und es werden mehr werden, viele mehr. Ich bin von allen romantischen Vorstellungen eines “gerechten” Kapitalismus geheilt, und das nach 32 gewerkschaftsfreien Berufsjahren. “Cash as cash can” ist angesagt und wer trotz zunehmender Krise immer noch am meisten zum Leben hat, der hat gewonnen.
    Die vielen Millionen Normalbeschäftigten draußen, die, und nur die mit ihrer Arbeit im Moment noch dieses ganze alte und neue Spiel mit am Leben halten, haben das nur noch nicht kapiert. Und sie werden auch gar kein Zeit mehr dafür haben. Die Deindustrialisierung und Arbeitsplatzabbau wird weitergehen, so wie eine Deutsche Bahn beabsichtigt 13000 Stellen abzubauen, wird bei einer Telekom und anderen Dienstleistlern weitergehen, der hinsinkende Exportgötze wird bei anderen exportabhängigen Schlüsselindustrien zu weiteren „Kostenreduktionen“ sprich Arbeitsplatzabbau führen und die die bleiben dürfen, werden wie man ja jetzt schon sehen kann, für ihr bisschen verbleibende soziale Sicherheit mehr und mehr bezahlen müssen.
    Essen Sie mal Mittags keinen Döner. Gehen Sie mal zur Essensausgabe der der Tafel im Gallusviertel. Real Life, jeden Tag. Fast 50000 Frankfurter haben inzwischen die Berechtigung für den Frankfurt Pass und damit Anspruch auf die Tafel. 50.000!!! fast jeder Zehnte.
    Herr Kupfer macht das hier ganz geschickt. Er verbreitet seine Stimmungslage und Gefühle wie er sie angesichts des Niedergangs empfindet und begründet dies einfach humorvoll und stringent. Tschernobyl wo ist das? Frankfurt ist hier.
    Mir sind Kirchtürme inzwischen fast auch lieber. Manche stehen schon 500 Jahre.

    Nennt mich Hans.

  15. Hallo Detlef,
    solltest Du tatsächlich mit einem Hörsturz darniederliegen, darf ich Dir gute Besserung wünschen und Dir eine spannende Lektüre zu meiner !!! heimatlichen, alpinen Bananenrepublik empfehlen. Überhaupt empfiehlt es sicher immer Florian Klenk zu lesen, auch wenn er eben nicht für Le monde diplomatique schreibt:

    http://www.florianklenk.com/…/brief_aus_wien.php

    Ist schon schlimm, was man von der alten Heimat so liest. Ich bin froh, es schon 20Jahre hinter mir zu haben, wo meine AEG von Zockern zerhauen wurde. Das sieht ja echt alles trostlos aus.

    Wir sollten uns deshalb mal wieder in der schönsten großen Stadt treffen, am Stephansdom beim Figglmüller und neben den Kutschern das W-Schnitzel vespern, Du bist gerne mit Copilotin eingeladen. Vergesse den 27.11. nicht.

    Wolfgang H.

  16. Wolfgang,

    wie könnte ich den ehernen Bund mit meiner Copilotin und gleichzeitig Geburtstag der Schwiegermutter vergessen)?

    Danke Dir, ich ich melde mich. Freut mich, dass Du dich als Ösi’nnen-Beute und Deutschland-Flüchtling hierher getraust.

    Detlef

  17. “Knasts für Zombie-Banker”, aber aber Herr Kupfer. Solche Verfahren dauern heute viel zu lange. Wir brauchen Schnellrichter und Strafvollzug an Ort und Stelle

    http://www.domina-mobil.de/

    Für meinen etwas langen Beitrag und mit Tschernobyl und so, möchte ich mich noch mal entschuldigen, aber so sehe ich das, andere halt aus einem anderen Blickwinkel. Aber dafür sollte so eine Kommentarmöglichkeit ja auch da sein. Oder?

    Ihr S-Klasse – Escada-Blog ist klasse, muss ich mir in Ruhe noch mal durchlesen. Das frühere Weihenstephan an altem Ort wäre eine feine Sache.

    Ohne Nicknamen,
    Hartmut Wehner

  18. Hallo Detlef,
    es sind nicht die „Zombies“, die diese Krise zu verantworten haben.

    Dass wir die Krise überhaupt wahrnehmen, ist leider darauf zurückzuführen, dass sie sich in der Finanzbranche abgespielt hat und dort wegen der Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft weltweit nicht mehr zu verschweigen war.
    Aber die Krise ist nicht nur dort vorhanden.
    Denn die Verursacher sitzen mittlerweile in allen Branchen, Behörden und Ministerien.

    Ich nenne die Verursacher nicht “Highriser”.
    Ich bezeichne diese Verursacher zusammenfassend als die „Markusse“.
    Die „Markusse“ sind leicht zu erkennen, denn sie heißen mit Vornamen Markus, Holger, Stefan oder Christian und sind zwischen 1968 und 1975 herum geboren (Ausnahmen bestätigen die Regel, oder die Regel bestätigt die Ausnahme).
    Sie sind die Kinder der Generation, die um 1968 herum versuchte die Welt zu verändern, auch heute noch zum Teil in Amt und Würden sind und die den Weg für die „Markusse“ bereitet haben.

    Bei der Erziehung der „Markusse“ wurde schlicht „vergessen“ diesen ein paar der immens wichtigen Grundwerte, mit auf den Weg zu geben.
    Die „Markusse“ sind mit der Mengenlehre in der Schule gross geworden, haben ihr Abitur mit der Note „teilgenommen“ bestanden und das Studium mit dem Hauptfach „Schön, dass wir mal darüber geredet haben“ abgeschlossen oder abgebrochen.

    Das Resultat dürfen wir heute ausbaden.

    Entweder weil die Markusse, die von finanziell minderbemittelten Eltern stammen, sich nach oben manipuliert haben.
    Oder weil die, die aus gut betuchten Elternhaus stammen nun versuchen das Geld der Väter „arbeiten“ zu lassen – und es dazu den anderen Markussen anvertrauen, bzw. es selbst versuchen.

    Wer nun glaubt, dass sich dies im Zuge des weiteren Generationswechsels und vor dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen erledigen wird, den muss ich leider enttäuschen.

    Die Generation der Marcusse mit „c“, dass sind die Kinder der Markusse mit „k“ steht bereits in den Startlöchern und versucht die eigenen Eltern mit allen Mitteln und noch grösserer Frechheit, Rücksichtslosigkeit und Dreistigkeit aus den Jobs zu verdrängen und an das Geld der anderen kommen.
    Denn diesen Marcussen mit „c“ wurden von den eigenen Eltern noch weniger Werte vermittelt.
    Sinnbildlich: Wie auch, wenn die Eltern schon nicht mit Messer und Gabel umgehen können, werden es die Kinder erst gar nicht beigebracht bekommen.

    Und das spielt sich eben nicht nur in der Finanzwelt bei den Bankern ab, sondern in allen Wirtschaftsbranchen und Politikbereichen.

    Womit wir wieder am Anfang wären. Aber das hast Du ja schon in Deinen Ausführungen angesprochen.
    Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch die Marcusse mit „c“ grandios scheitern werden, aber dann wird es noch teurer für uns.

    Es grüßt euch
    BMB

    P.S. 1: Ich „durfte“ gestern beim Abendessen in einem Hotel, den Gesprächen von rund 12 Jungmanagern der IT Branche zuhören.
    Jetzt weiß ich warum hier nichts mehr funktionieren kann.

  19. Bernd,

    ich wills mal versuchen, mit ein paar Sätzen zu erklären, weil es reicht viel weiter über 1968 zurück, als Du denkst. es hat nur bedingt auch etwas mit Bildung zu tun und es geht auch nicht wirklich um das Geld, sondern vielmehr um die Problematik der Privilegien in einer Gesellschaft und ihrer Eliten.

    Privilegien waren im Feudalismus nötig gewesen, als es noch kein für alle verbindliches Recht gab. In den schweren Zeiten des Bürgertums war die Jagd nach Privilegien überlebensnotwendig. Die Privilegien waren die Kette, an der man die bürgerlichen Eliten gehalten hat. Sie waren ein Angebot, andere für den Adel zu unterdrücken, sie für sich malochen zu lassen, sie sogar zu ohne demokratische Legitimation beherrschen zu dürfen – siehe Hitler. Die Privilegien waren nur geliehen, und sie schufen eine antidemokratische und obrigkeitshörige Zwischenschicht, die vom ersten Weltkrieg bis in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts vom Hinterzimmer der Dorfkneipe bis zum Empfangsbereich des Bundeskanzleramts, und teilen die bessere Gesellschaft in zwei Schichten.

    Hier liegt Dein Irrtum begründet: Entsprechend gross nämlich war Ende der 60er Jahre der Hass auf Privilegien dieser Zwischenschicht, “unter den Talaren ruht der Muff von 1000 Jahren”… erinnerst Du dich?. Ich habe lange gebraucht um es zu verstehen.

    In meinem Bücherregal ist ein Buch Pflichtlektüre: “Macht und Missbrauch” von Wilhelm Schlötterer, der mit den dunklen Jahren unter Franz Josef Strauss und dessen Privilgienwirtschaft aufräumte. Dieses altertümliche Privatrecht, das historisch seine Bedeutung und Begründung hatte, wird im Kontext der besseren Gesellschaft extrem kontraproduktiv. Reichtum ist akzeptiert, weil seine Mehrung zu Leistung anspornt. Vermögen ist akzeptiert, weil es Möglichkeiten eröffnet. Privilegien dagegen ersetzen das Leistungs- und Verdienstprinzip gegen vermutete Mauschelei. Es geht dabei nicht drum wann wer geboren wurde, um 68er, 74er oder welche Farbe einer hatte, und wie gesagt nicht mal wirklich um das Geld. Es geht um die Problematik der Privilegien in einer demokratischen Gesellschaft und ihrer Eliten, und da will jeder möglichst schnell möglichst viele bekommen. Einfluss und Macht über andere.

    Dummerweise ist das heute in der Demokratie nicht mehr so leicht möglich, ganze Klassen zu privilegieren. Also bietet man Einzelpersonen Vorrechte an und legt damit die Granate an die Eier einer Klasse, deren Mitglieder voller Urängste sind, abgehängt zu werden. Und das mit zunehmender Tendenz. Catch as Catch can. Angefangen von der Lüge, das Arme die gleichen Bildungschancen hätten wie Reichere, das alle die gleichen beruflichen Aufstiegschancen hätten etc. etc. Altbekannt, je höher Menschen in der beruflichen Hierarchie stehen, Topmanager etc., um so mehr kämpfen sie heute um ihre Vorrechte über anderen zu stehen…. siehe Cordes, der abging, als man Schrempp hinausgeworfen hatte und man ihm die Nachfolge zugunsten von Zetsche verweigerte.

    Historisch gesehen hat das Bürgertum in unserer heutigen Gesellschaft alles erreicht, was zu erreichen war. Es ist die reiche Schicht eines reichen Landes, es gibt alle Möglichkeiten, kaum Beschränkungen und allein durch die ungleiche Verteilung des Vermögens jede Menge gestaltende Möglichkeiten, die auch gern für Übles verwandt werden. Mit einem 3,2er Abi Medizin studieren in Heidelberg? No Problem.

    Das aber Privilegien grade von den von Dir gescholtenen 60ern beseitigt wurden, ändert nichts an neu geschaffenen Vorrechten, die in unserer Gesellschaft keinen anderen Zweck mehr haben, als das Recht ausser Kraft zu setzen. Mercedes-Benz mit eingebauter Vorfahrt, Dienstwagenprivilegien von Gesundheitsministerinnen, Immunität von Politikern, Baugenehmigung im Schnelldurchgang… Spaz beiseite, mein S-Klasse-Blog zeigt die Anfänge in der Jugend.

    Deine IT-Ochsen hängen da genau so drin, wie die Banker und andere. Ichschwache Typen mit Vorrechten, leicht steuerbar. Wenn es zu viele Vorrechte gibt, besonders dann, wenn sie von der Regierungschefin unseres Staates mit dieser Verfassung, dem Geldchef einer Bank Vorrechte zugeschanzt werden, bis hin, Finanzmarktrettungsgesetze mit zu bestimen, und da muss ich sagen, muss sich systemisch was ändern, alles andere bringt uns auf die Schnellverbindung der Oligarchie. Ein paar erarbeitete Vorrechte ja, aber ich habe eine 22-jährige Tochter, der ich so eine verrohte, verkommene Gesellschaft gerne ersparen würde.

    Aber lass uns vielleicht mal das Thema bei dem schon ein Jahr geplanten “Kaffee” mit “Torte” besprechen.

    Schön, wieder was von Dir gelesen zu haben.

    .

  20. Mark Twain hat einmal einen guten Ratschlag gegeben. Wenn du einen bedeutenden Mann triffst, stelle ihn Dir in Unterhosen vor. Es hilft unangebrachte Demut zu verhindern.

    Für den leicht linken Kommentar bitte ich um Verständnis.

    Theo W.

  21. Wenn man mal von den sicher interessanten Statemnts und Meinungen der Vorschreiber absieht, ist der ganze Highris-Irrsin nach meiner Meinung nur die Folge von Größenwahn von Finanzmanagern.

    Vor 8-10 Jahren hatten die Manager der Deutsche Börse AG mehrfach versucht, London den Rang als Handelsplatz für Aktienhandel, Neuemissionen und Derivate abzulaufen und sich dafür bis hin an feindlichen Übernahmen Londoner Börsen beteiligt. Es wurden Giga-Projekte auf Vorrat gebaut, für den Fall die Engländer wären gekommen, Büroflächen, Rechenzentren und viel von dem ganzem Schrott, der heute leer steht.

    Der selbstausgestellte Hoffnungsscheck in Form einer gigantischen Spekulationsblase wurde nicht eingelöst, am Ende hatte die Deutsche Börse AG selbst Fremdgesellschafter im Boot. Das verbetonierte Geld für diese Bauten kam aus Fonds, ich erinnere mal an die Debakel mit den DESPA-Fonds, als man Rückkäufe aussetzte, ud als Überbewertungen etc. offenbar wurden.

    In England gibt es heute nur noch 3,6 Mio. Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe, dafür über 6 Millionen in Finanzdienstleistungen. Selbst wenn das Verhältnis umgedreht wäre, wäre es immer noch schizophren. Aus der Notwendigkeit aus immer weniger erarbeitetem echtem Kapital Zins/Zinseszins Erträge für sich selbst erwirtschaften zu müssen, wird weitergemacht werden müssen wie bisher und die jetzige Finanzkrise ist aus meiner unbedeutenden Sicht bereits der Beginn des Untergangs des europäischen Finanzsystems.

    Ist natürlich alles etwas komplexer. Aber ich hatte einen langen Tag, auch leider keine Einladung bei Highrisern und deshalb kein Fingerfood-Buffet und mein Eisschrank ist leer. Deshalb gute Nacht.

    Thomas B.

  22. @ Thomas B.

    zu dem Thema habe ich viel mehr als nur ein paar Gedankenschnipsel.

    Im Frankfurt der 70er krachte es grade damals, als das Westend plattgemacht wurde, sehr oft, wenn wieder mal aufflog, wer und durch welche Connections zum wem, welches alte Schmuckstück abreissen durfte, Ausnahmegenehmigungen erhielt… wir hatten da mal einen OB Wallmann und die Beecker – Brüder aus Isreael… eine Helaba-Affäre bei der schon in den 70er 2 Milliarden verloren gingen… eine Coop-Affäre… Neue Heimat… etc. etc. etc.

    von daher ist Frankfurt absolut ein Synonym für Entwicklung und leider auch sichtbaren Niedergang einer Stadtkultur. Zum ganzen Chaos um das Europa-Viertel, wo jetzt mit der Brechstange ein ganzes Viertel hochgepeitscht wird, was absolut niemand braucht, muss ich DIR als wohl Kenner auch nichts sagen. Der ganze Mainhatten-Größenwahn, das ist er bis heute noch. Frankfurt wollte ja bspw. ja sogar New York noch überholen und die dortige Terminmarkt-Börse übernehmen…. und auch dafür wurde gleich mal wieder Zement gemischt.

    Bspw. wird der Weggang der Deutsche Börse AG nach Eschborn, eine Katasprophe aus meiner Sicht. In meiner Stadt, Frankfurt, spürst Du durch solche Entwicklungen den Todesatem der über unsere Gesellschaft kommt, viel früher wie anderswo. Und Du weißt, es ist merklich kühler geworden.

    Mich stören vielweniger die späten 68er wie die unverbesserlichen 45er.

    Detlef
    .

  23. Detlef,

    ich glaube wir reden aneinander vorbei.

    Du redest über die Gründe der 68iger (also derer, die 1968 so um die 20 Jahre alt waren) und warum sie die Welt verändern wollten. Diese Gründe, stelle ich überhaupt nicht in Frage.

    Ich rede über das (Bildungs- und Sozial-) Resultat dieser Veränderungen, am Beispiel der Kinder der 68iger, also derer, die heute um die 40 Jahre alt sind und die meiner Meinung nach die Verursacher der Krise sind.

    Diese Markusse, Stefans, Holgers und Christians sind das Resultat.
    Wenn überhaupt, herrscht hier absolutes geistiges Mittelmaß und völlige Selbstüberschätzung vor, gepaart mit Rücksichtslosigkeit und Egoismus.

    Schau Dir doch einfach mal die Markusse, Stefans, Holgers und Christians, die sich in „Führungspositionen“ befinden, oder die in Deiner unmittelbaren privaten Umgebung näher an – und Du wirst mir Recht geben müssen.

    Es grüßt Dich
    BMB

  24. Herr Kupfer,

    schöner Bericht von einem mit Herzblut für Frankfurt. Ergänzend eins.

    In den 80ern bis in die späten 90er Jahre hatten auch Investoren aus dem angloamerikanischen Sprachraum Frankfurt als goldene Betongrube entdeckt, als man feststellte, dass man all das mit der Bankblase in New York und London verdiente (erbeutete) Luftgeld nicht mehr in New Yorker Designerwohnungen und Villen in Rhode-Island unterbringen konnte.

    Grade damals hat sich das Gesicht in Frankfurt verändert. Alles finanziert durch Überschuldung, wertlose Bankpapiere und den Glauben, es werde schon alles gut gehen, und die Käufer würden auch jede Saison neue Louis-Vouitton Taschen brauchen, neue Dolc&Cabana-Anzüge und andere Posamenten. Zeil-Galerie und Schiller-Passagen von Dr. Schneider als Stichworte.

    Herr Kupfer, kommen Sie nicht aus dem Westviertel, dem traditionellen “Frankfurter Problemviertel” ,dem “Kamerun”? Mit Ihrem Blog ist bewiesen, daß aus Problemvierteln manchmal die liebenswertesten und klardenkensten Menschen kommen ! Ich werde Ihren Blog weiterempfehlen und häufiger kommen.

    Weiter so,
    Atlant

  25. @ Bernd,

    zu isoliert.

    1986 wurden die 68er spiessig. Hippe Schreiber, witzige Werber und flotte Kreative rebellierten. Die 68er sagten selbst, dass sie die Welt von ihren Kindern nur geliehen hatten – also her damit.

    1997 hatten sie es geschafft. Die 68er hatten fertig. Die Rebellen sassen in den Feuilletons, erfanden Trends, gaben in der Jugend den Ton an. Zusammen mit den Neokonservativen und der Wirtschaft, die vorher schon reihenweise Großfirmen gekillt hatten, AEG, Mercedes-Benz… machten sie Revolution. Popkultur goes Business. Damals nannte man es: New Economy. Start-Up, die ersten 50.000 Umsatz in im Buch, ab damit an die Börse, KGV 100?… 50-fach überzeichnet, die Neocons machten Milliardengewinne, alle wollten dabei sein. Diese Revolution wird ein Festessen, wozu noch Arbeiten wenn man an der Börse an einem Tag 20% Rist machen kann..?

    2000 gab es für New Economy und Rebellen ein unvorhersehbares Problem. Seit 2002 will die Wirtschaft will sie nicht mehr. Die Economy-Popkultur der Neopopcons ist tot. Die Reaktion frisst ihre Kinder.

    2009 sitzen die Neopopcons im Arbeitsamt, und die 68er als Generation in Mallorca auf ihrer Finca, beraten BMW, Gazprom oder halten sich mit Vorrechten über Wasser.

    Die neuen 2010er hätten jetzt gern einen Marsch durch die Institutionen, wie damals, wie ihn die 68er geschafft haben. Dumm daran: Die neukonservativen Freunde in Politik und Medien diktieren ihnen ihre Konditionen: Dummhaltende Bildungspolitik, soziale Einschnitte, Fleiss, Gehorsam, Unterordnung und Schwangerschaft. Die Party ist vorbei. Die Ideologie der spiessigen 50er Jahre ist wieder da.

    Bernd, die 68er waren für mich die nützlichen Idioten der Reaktion. Jetzt, nach der Pleite, sind sie die Opfer, wie die meisten von uns.

    Detlef

  26. @ BMB

    Also, ich hab das jetzt, wie immer, wenn ich mediale Banalitäten konsumiere, nur flüchtig wahrgenommen. So einfach ist das nicht.

    Hat Sarrazin nicht gesagt, dass Teile der Oberschichten in Deutschland regelrecht integrationsunwillig sind? Dass sie nicht oder nur kontraproduktiv am Wirtschaftskreislauf teilnehmen? Und dass man diesen Leuten, da sie nicht mit Geld umgehen können, auch möglichst keins mehr in die Hand geben sollte, sondern nur Sachleistungen?

    Recht hat er! Diese Leute, die sich am Steuern-Zahlen nicht beteiligen; die ihre Kinder der Schulpflicht entziehen, indem sie sie auf ominöse Privatschulen oder Internate schicken – kurz, die nicht am Leben unserer Gesellschaft teilnehmen, es sei denn, indem sie es durch ihr Unvermögen, mit Geld umzugehen, gefährden. Und dann wollen die Bengel, kaum dem Abi entwichen, schon mitreden?

    Die sind gefährlich, gebe ich Ihnen recht!

    Ich finde auch, dass man an diese Markusse unter 35, eine Gehaltsobergrenze von 900 EURO festschreiben sollte und Manager-Boni nicht mehr als Geldleistung ausgezahlt werden dürften! Allenfalls als Sachleistung: Kita-Gutscheine (Kinder braucht das Land), S-Bahn-Monatskarten, ein Deutsche-Bahn-Gutschein für die 2. Klasse, ein Jahresabo der Öffentlichen Bücherhallen – da gäbe es schon einiges, diese Verirrten Markusse wieder in unsere Gesellschaft zu integrieren.

    Sie hier? Freut mich,
    Meier113… blinzel…

  27. Wenn der Aufschwung in D so richtig kommt, dann werden die Büros in den oberen Etagen auch wieder vermietet in FFM.

    Nur sind die, die da rein wollen/sollen, vom Aufschwung noch nicht so weit hochgespült worden, dass sie die Schilder sehen. Die spült es eher in den Main…

    M. Haas

  28. @Liebe Frankfurter, Berliner, Kölner, Münchener und andere preussische Wohlstandslumbewohner und sonstige Wohlstandszonenbewohner, seht Ihr, es ist hier oben bei mir gar nicht so schlecht.

    Hummelhummel

  29. Pingback: - 4 qm Leerstand durch Gernot Gaulke « MotorBlöckchen

  30. Woaw… so langsam geht der Terz los. bis zu zwei Jahre kein Geld auf die Hand für doch ach so ehernen Grundbesitz. Ich hatte die Woche schon von einem gehört, dass da was größeres kommt.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,662259,00.html

    Da dürfte so mancher Pensionsfond-Manager jetzt Kreise fressen. Die gute Nachricht ist: das ist keineswegs neu. In Folge der damaligen Betrügereien

    http://motorbloeckchen.de/?p=4256

    kam schon mal ein ganz Großer, die DEKA in Frankfurt, damals mächtig ins Schlingern.

  31. Gut beobachtet.
    Mehrere große Immobilienfonds haben ja erst die letzten Tage die Notbremse gezogen und den Rückkauf von Anteilen gestoppt. Die wissen längst, was auf sie zukommt und was Neubewertungen von Leerstandsimmobilien heißt. Niedrigere Anteilswerte und ein Run der Anteilsbesitzer an die Bankschalter. Ich vermute mal, die Fonds sind auch in Dubai investiert und da Banker immer alles etwas vorher wissen, hat man “reagiert”, bevor die Meldungen über die Krise dort hier in der Bildzeitung stehen.
    JHans-Peter G.

  32. Pingback: Wohnen in der Shell – Tankstelle

  33. Pingback: Ooohh feuerspuckender Tannenbaum

  34. Sie beschreiben sehr humorvoll ein Problem, was noch sehr viel größer werden wird, wie die meisten erahnen. Das inzwischen mehrere große Immobilienfonds geclosed sind und keine Anteile mehr zurücknehmen, ist erst der Anfang. Die Bombe tickt in der Tat in den notwendig werdenden, anstehenden Neubewertungen. So mancher hoch finanzierte, leerstehende oder nur teilweise vermieteter “Turm” wird neue Bank-Eigentümer bekommen.

    Schöne Fotos, besonders das mit dem Fahhrad.

    Hubert L.

  35. Gut beobachtet. Vieles von den leeren Türmen ist nicht mal mehr die 10% wert, die der EZB-Tower immerhin noch hat.

    Vor 5 Jahren wollte ich einen Tiefgaragenplatz in unserer Company. Damals standen auf der Warteliste fast 100 Leute vor mir. Heute ist die Tiefgarage zu einem Drittel leer. Die Jobs von denen, die da mal früher standen, machen jetzt Inder.

  36. Pingback: Motorbloeckchen

  37. Pingback: 01.03.2011: Von wegen Vorbilder und so.

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